Predigt zum Sonntag, (28.04.2013)
Glaube und Zweifel
Text: Markus 9,17-27
17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.
18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, daß sie ihn austrei-ben sollen, und sie konnten's nicht.
19 Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!
20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riß er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.
21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, daß ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.
22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, daß er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!
23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
25 Als nun Jesus sah, daß das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!
26 Da schrie er und riß ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so daß die Menge sagte: Er ist tot.
27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.
Der israelische Dichter Elazar Benyoetz hat einmal gesagt: „Auch Zweifel sind Glaubensbe-kenntnisse.“ Er bringt damit zum Ausdruck, wie eng der Glaube und der Zweifel zusam-mengehören: Sie scheinen wie zwei unzertrennliche Brüder zu sein, wo der eine ist, da ist der andere auch. Und so ist es ja auch: Der Zweifel kann nur dort aufkommen, wo der Glaube ist. Er ist die Infragestellung, die Anfechtung des Glaubens. Wo dagegen kein Glaube ist, wo ich nicht auf irgend etwas oder auf irgend jemand vertraue, da kann auch kein Zweifel entstehen. Da ist vielmehr nur die klare Leugnung, die klare Ablehnung einer Position bzw. einer Person oder einfach Gleichgültigkeit. Der Zweifel ist immer am Glauben, er zehrt von und an ihm. Das Wort „Zweifel“ hat ja auch etwas mit der Zahl zwei zu tun, mit dem Zweifachen, dem Zwiefältigen. Ein Mensch ist zwischen zwei Meinungen, zwischen Ja und Nein hin- und hergerissen, ist unentschiedenen Sinnes. Insofern ist der Glaubenszweifel in der Tat ein Glaubenskenntnis, weil auch er anzeigt, dass es einem Menschen – in der Form des Ringens – um letzte, um religiöse Fragen, um ein unbedingtes Anliegen geht.
Doch wie ist das Verhältnis von Glaube und Zweifel genauer zu bestimmen? Wie kommt der Zweifel in den Glauben hinein? Wie in vielen anderen Fällen ist es auch hier gut, vom Positiven, also vom Glauben, und nicht vom Negativen, d.h. vom Zweifel auszugehen. Der Glaube ist das Erste, dann erst folgt der Zweifel. Was aber ist dieser Glaube, der dann von Fall zu Fall oder sogar dauerhaft vom Zweifel angegangen wird? Ich möchte mich für diese Frage am sog. Heidelberger Katechismus orientieren, einem Lehr- und Lernbuch des christlichen Glaubens, 1562/63 in Heidelberg für die reformierte Kurpfalz entstanden, das in die-sem Jahr seinen 450. Geburtstag feiern kann. In Frage 21 des Katechismus heißt es: „Was ist wahrer Glaube? Wahrer Glaube ist nicht allein eine gewisse Erkenntnis, dadurch ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein anderen, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Jesu Christi willen.“
Nach diesem Text ist der Glaube zunächst eine „gewisse Erkenntnis“. Glaube hat es also nicht nur mit dem Herzen, mit dem Gefühl zu tun, das auch und davon ist gleich die Rede. Sondern beim Glauben ist auch der Kopf, der Verstand beteiligt. Glaube ist eine „gewisse Erkenntnis“. Ich muss wissen, was ich glaube, was der Inhalt, der Gegenstand des christ-lichen Glaubens ist. Glaube ist nicht einfach eine diffuse Gläubigkeit an eine unbestimmte höhere Macht, sondern er besitzt feste Konturen, über die ich mich informieren und Klarheit gewinnen kann, über die ich nachdenken und nachsinnen muss. Für uns als Christen ist der Gegenstand des Glaubens, wie es heißt, „alles [...], was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat“, also Gottes Selbsterschließung und Selbstbekundung, wie sie uns in der Bibel, im Alten und Neuen Testament bezeugt ist.
Doch genau an dieser Stelle kann bereits der Zweifel in den Glauben eindringen: Was ge-hört zu dieser „gewissen Erkenntnis“ über den Glauben und was nicht? Ist alles, was in der Bibel steht, Gottes Wort bzw. von Gott geoffenbart und also zu glauben? In der Bibel stehen doch viele Dinge, die wir heute gar nicht mehr glauben können, weil sie längst wissenschaftlich widerlegt sind. Die Welt ist nicht in sechs Tagen erschaffen worden, sondern die Geschichte, die Evolution des Universums umfasst mehrere Milliarden Jahre, in der erst relativ spät die Erde und das Leben auf ihr entstanden sind. So zweifeln viele aus weltan-schaulichen Gründen am christlichen Glauben, sehen ihn mit einem überholten Weltbild verquickt und halten ihn für moderne, aufgeklärte Menschen nicht mehr für annehmbar. Aber Glaube ist zuerst eine „gewisse Erkenntnis“! Ich kann mich informieren und kundig machen, was der Inhalt, der Gegenstand des christlichen Glaubens ist und was nicht. Und dabei kann ich erkennen, dass das, worauf sich der Glaube eigentlich richtet, Gottes barmherziges und heilendes Handeln an uns Menschen in seinem Sohn Jesus Christus ist, samt seiner Vorgeschichte im Weg des Volkes Israel. Darin ist dann auch die Überzeugung eingeschlossen, dass alle Wirklichkeit in Gottes schöpferischer Liebe gründet. Der Katechismus nennt all dies „das Evangelium“. Aber dieses muss unterschieden werden von dem Weltbild, das die Bibel hat – so wie wir heute ein anderes haben. Gegenstand des Glaubens ist das Wort Gottes als Evangelium, nicht das biblische Weltbild. So können vielfach durch eine Erkenntnis- und Verstehensbemühung, an der sich jeder Christ, nicht nur der Fachtheologe beteiligen soll, Missverständnisse ausgeräumt und Zweifel beseitigt werden.
Als zweites Moment des Glaubens benennt der Heidelberger Katechismus das „Fürwahr-halten“. Ich soll das, was ich als den rechten Inhalt des Glaubens erkannt habe, auch für wahr halten, annehmen, ihm zustimmen. Ich soll sagen: „Ja, so ist es! Davon bin ich über-zeugt, ich stehe dahinter!“ Und wie bereits gesagt: Die Zustimmung bezieht sich nicht auf alles, was in der Bibel steht, sondern auf Gottes Wort, das im letzten niemand anders ist als Jesus Christus. Doch eine solch allgemeine Zustimmung, ein solch allgemeines Fürwahrhal-ten ist dem Katechismus noch zu wenig, zu unpersönlich, und so steuert er geradewegs auf das zu, was ihm das Zentrale am Glauben ist: „nicht allein eine gewisse Erkenntnis, dadurch ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen“. „Herzliches Vertrauen“: Jetzt kommt also auch das Herz, das Gefühl, das Gemüt mit ins Spiel, jetzt kommt an den Tag, worauf die Erkenntnis und das allgemeine Fürwahrhalten eigentlich hinauswollen: auf das Vertrauen des Herzens gegen-über Gott. Glaube hat es mit dem Kopf, dem Verstand, dem Denken zu tun, aber seine Mit-te, sein Ziel findet er doch in diesem „herzlichen Vertrauen“, in diesem Sich-Anvertrauen, Sich-Übergeben an Gott, in diesem Sich-Verlassen auf ihn, weil ich gewiss bin, dass mein Leben in seiner Ganzheit, in seinem Anfang und Ende, seinen Höhen und Tiefen, in seinem letzten Gelingen bei ihm gut aufgehoben und geborgen ist.
„Alles für wahr halten, was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat“, „herzliches Vertrauen“ zu Gott. Hier erst recht meldet sich der Zweifel an, begehrt sozusagen Einlass in den Raum des Glaubens. Wieso aber? Nun die Gründe dafür sind mehrschichtig. Zunächst: Der Glaube richtet sich auf Gott und sein Wort, auf seine Zusage, sein Versprechen, dass er es in Jesus Christus gut mit uns meint. Wenn mir dies auch in der Bibel und im Zeugnis anderer Menschen begegnet, so kann man es dennoch nicht empirisch sehen und hören, nicht aufweisen und beweisen, sondern es setzt auf meinen Vertrauensvorschuss, darauf, dass ich mich darauf einlasse, danach lebe. Das bringt aber eine gewisse Unsicherheit und Ange-fochtenheit des Glaubens mit sich, so wie das ja auch der Fall ist, wenn ich mich auf das Versprechen eines Menschen einlasse. Das ist immer ein Wagnis, das zwar auf Gewissheit gründet, weil der andere vertrauenswürdig ist, aber eben keine Sicherheit besitzt. Gibt es Gott wirklich, ist das tatsächlich Gottes Wort und nicht nur Menschenwort? Und kann man darauf bauen? Solche Fragen werden kommen – und bleiben.
Aber wir müssen noch einen Schritt weitergehen. Glaube als herzliches Vertrauen auf Gott und sein Wort: das wird auch dadurch dem Zweifel ausgesetzt, weil vieles in unserer Wirklichkeit der Zusage, dem Wort Gottes zu widersprechen scheint, Gott scheint eines absoluten Vertrauens nicht würdig zu sein. Wir fühlen uns dann in unserem Vertrauen zu ihm entäuscht und fragen, ob man überhaupt auf Gott vertrauen kann, ja ob es einen guten und liebenden Gott überhaupt gibt. Da sind z.B. Enttäuschungen, Brüche, Verletzungen im persönlichen Leben wie das Ende einer Beziehung, einer Freundschaft, einer Ehe. Da ist der Ver-lust eines geliebten Menschen. Da ist die Erfahrung von Unrecht und Scheitern, der Verlust der Arbeit. All dies lässt an Gott und seinem Wort zweifeln und irrewerden. Aber es sind genauso die oft schrecklichen Ereignisse und Katastrophen in der Natur oder in der Mensch-heitsgeschichte, die zweifeln lassen, ob ein Gott hinter all dem steht oder nicht ein blindes, dämonisches Schicksal.
Glaube als herzliches Vertrauen auf Gott und sein Wort: Der Zweifel kann auch noch an-derswo ansetzen: Ist es nicht so, dass in uns allen ein tief verwurzelter, uns vielleicht sogar angeborener Hang wohnt, es lieber mit uns selbst zu versuchen als mit Gott? Also auf uns selbst, unsere Möglichkeiten und Sicherheiten zu vertrauen anstatt auf Gott? In jedem von uns haust sozusagen die Neigung zum Unglauben, zum Misstrauen gegenüber Gott und der die Hang zum Vertrauen auf sich selbst. Es gibt in uns einen natürlichen Widerwillen gegen den Glauben, einen Hochmut und Stolz, nicht von Gott abhängig sein zu wollen. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ So spricht der Vater des epileptischen Jungen zu Jesus. Über die konkrete Heilungsgeschichte hinaus ist in diesem Wort die Gleichzeitigkeit von Glaube und Unglaube, von Glaube und Zweifel in uns selbst ganz grundsätzlich ausgedrückt.
Ein letzter Grund für den Zweifel ist ebenso in uns selbst zu verorten, der auch im Heidel-berger Katechismus angedeutet wird. Als Inhalt des Glaubens wird benannt: „dass nicht allein anderen, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Jesu Christi willen.“ Diese Begriffe stehen uns heute vielleicht fern, aber wohl kaum die mit ihnen bezeichnete Sache. Vergebung der Sünden: das meint, dass ich und mein Leben mit dem Bösen, das ich getan und angerichtet habe und nicht mehr gut machen kann, einer letzten Vergebung ge-wiss sein darf. Dass ich trotz allem Negativen bei mir von einer letzten Instanz nicht verworfen, sondern angenommen bin. Ewige Gerechtigkeit und Seligkeit zeigen an: Es kann mit mir gut, mit mir recht werden, mein kann Leben gelingen und eine Erfüllung finden, anfangsweise bereits hier auf Erden, vollends jenseits des Todes, und zwar nicht von mir aus, sondern um Jesu Christi willen. Und dann formuliert der Katechismus: Dies solle nicht allein den anderen, sondern auch mir geschenkt sein. Seltsam: Sonst muss man uns egoistischen Menschen stets einschärfen: Nicht nur für dich, sondern auch für die anderen! Hier heißt es umgekehrt: nicht nur den anderen, sondern auch dir! Der Katechismus hat offenbar einen Menschen vor Augen, der an sich selber zweifelt, der angefochten ist und sich selbst aufgeben möchte. Nach dem Motto: Den anderen geht es gut, nur mir nicht! Für die anderen besteht Hoffnung, aber für mich nicht! Was der christliche Glaube sagt, mag schon wahr sein, aber für die anderen! Für mich in meiner Bedrängnis trifft das nicht zu. Der Zweifel am Glauben entsteht an dieser Stelle aus der depressiven Resignation über uns selbst, daraus, dass wir uns selbst abschreiben und darum auch von Gott nichts mehr erwarten. Dem wird entgegengesetzt: Gottes Zusage gilt nicht nur den anderen, sondern gerade auch dir! Darum lass Dich nicht hängen, gib dich nicht auf, sondern vertraue mit ganzem Herzen!
Glaube und Zweifel: Ich habe ein wenig versucht, zu beleuchten, wie beides zusammenhängt, wie und wo der Zweifel einen Haftpunkt am Glauben hat. Doch wie gehen wir damit um, was machen wir damit? Dazu nur noch zwei Hinweise: Wir sollten zwar nüchtern mit unserem Zweifel rechnen, ihn nicht verdrängen oder überspielen, ihn aber auch nicht kultivieren und pflegen, gar stolz auf ihn sein. Zweifel kann etwas Positives sein, auch im Raum des Glaubens. Er kann zu neuen, vertieften Erkenntnissen, zu neuem, vertieftem Vertrauen führen. Aber er ist kein Selbstzweck, kein „Standpunkt“, auf dem man verharrt. Wir Menschen sehnen uns nach Gewissheit, nach Lebensgewissheit! Als zweifelnde Menschen soll-ten wir deshalb nicht auf uns selbst bezogen bleiben, gleichsam religiöse Nabelschau betrei-ben, sondern wir sollten, wie Hans Küng einmal bemerkt, auch an unseren Zweifeln zweifeln, ihnen kritisch gegenübertreten und uns Jesus Christus zuwenden, uns ihm in die Arme werfen – in unserer Glaubensnot, in unseren Zweifeln. So wie das der Vater des kranken Jungen auch getan hat: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Und das Zweite: In all unseren Zweifeln, in dem Zugleich von Glaube und Unglaube ist genau dieses Gebet, diese Bitte das Richtige und Angemessene. Denn so sehr ich mich über den Glauben informieren, die rechte Erkenntnis über ihn gewinnen und das heißt auch irgendwie in einem Kontakt zur Kirche und zur Gemeinde stehen sollte, so habe ich es doch nicht in der Hand, dass ich dadurch zu einem glaubenden Menschen werde, der auf Gott herzlich vertraut. Denn der Glaube ist in seinem innersten Kern Gabe, Geschenk, Werk Gottes an und in uns. Glaube ist in der Tiefe kein Entschluss, keine Entscheidung des Men-schen, sondern Gott wirkt in uns den Glauben. Ich entschließe mich ja auch nicht, einem anderen Menschen zu vertrauen, sondern er ist es, der in mir dieses Vertrauen weckt und hervorlockt. „Wie niemand sich selber kann den Glauben geben, so kann er auch den Unglauben nicht wegnehmen“, sagt Martin Luther. Auch der Katechismus weiß darum: Der Glaube ist „ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt.“ Gottes Heiliger Geist ist es, der mich zum Glauben erleuchtet und den Zweifel wegnimmt. Gottes Heiliger Geist ist es, der bei mir die Gewissheit, das Vertrauen im Blick auf Gott wirkt. Er bedient sich dabei natürlich des Evangeliums, des biblischen Wortes in seiner Konzentration auf Jesus Christus hin. Aber dieses Wort allein kann den Glauben in uns nicht erzeugen, es dringt nur bis zu den Ohren, nicht aber ins Herz hinein. Dass es dort Wurzeln fasst, das ist das Tun des Heiligen Geistes. Und so ist es in all unseren Glaubenszweifeln dies, was wir tun können, aber auch sollen, Gott um den Glauben zu bitten: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Ich vertraue, hilf meinem Misstrauen!“ Amen.
Pfr. Dr Wilhelm Christe

